03. September 2019

Projektbesuch in der Intag-Region

Eva Danulat inmitten von Horstgräsern

Eva Danulat, die Geschäftsführerin unserer Partnerorganisation „GEO schützt den Regenwald e.V.“, berichtet hier von ihrem diesjährigen Projektbesuch:

In diesem Jahr bin ich erst im Juli in der Intag-Region, zu Beginn der heißen, trockenen Sommerzeit. Die Aussicht auf Regen geht gegen Null, nur die morgendlichen Nebelschwaden über den bewaldeten Berghängen bringen Mensch und Natur noch etwas Feuchtigkeit. Nacheinander feiern zwischen Juli und August die sechs Bezirke der Region ihre mehrtägigen Fiestas. Wochenlang wird an den Programmen gefeilt – heimische Spezialitäten gehören dazu, Volleyball-Turniere, Wettbewerbe für Jung und Alt, natürlich auch jede Menge Live-Musik und Tanzveranstaltungen. Die sonntäglichen Arbeitstreffen im Büro von DECOIN in Apuela finden jedoch selbst während der Fiestas statt. Während sich draußen zwischen den geparkten Fahrzeugen auf der Straße Reiter sammeln, ihre Tricks und Schrittkombinationen für die bevorstehende Vorführung üben, tauschen die Leitung von DECOIN, Mitarbeiter und Unterstützer aus verschiedenen Teilen der Region ihre Neuigkeiten aus, diskutieren die jüngste politische Entwicklung, planen das strategische Vorgehen, teilen anstehende Aufgaben unter sich auf.  

Für Aufregung sorgt an diesem Sonntag Auki Tituaña, seit wenigen Monaten Präsident des Kantons Cotacachi, zu dem auch die Intag-Region gehört. Ohne Vorankündigung hat er die Freizeitanlagen um die Termas von Nangulví schließen lassen, Begründung:  Kurz vor dessen Ausscheiden habe sein Amtsvorgänger die Bewirtschaftung der Termas auf die ansässige Gemeinde übertragen; dies sei jedoch Aufgabe des Kantons und somit nicht rechtens. Wichtigstes Thema sind allerdings auch heute die drohenden Bergbauaktivitäten. Wie DECOIN-Direktor Carlos Zorrilla berichtet, hat CODELCO - der chilenische Bergbauriese und Partner der ecuadorianischen ENAMI – den vielleicht letzten Versuch unternommen, nach Cerro Pelado vorzudringen; die Kommune liegt in der Nähe von Junín, wo seit Jahren Probebohrungen für Kupfer gemacht wurden. Um dies zu verhindern, hat DECOIN die Bewohner der Region zu neuen Protestaktionen mobilisiert – mit Erfolg!

Außerhalb des Intag-Tals, auf der anderen Seite der Toisan-Gebirgskette, hat Erzabbau ganz anderer Art bereits schwerste Folgen gezeigt: Im Bezirk La Merced de Buenos Aires haben Tausende Goldsucher seit Ende 2017 zunehmend zu Chaos, Schrecken und Kriminalität jeder Art geführt1. Die Lager zu weit verteilt auf schwierigem Gelände um 3.000 Meter ü.d.M., zu groß die Zahl und das Gewaltpotenzial der Eindringlinge. Achtzehn Monate griff der Staat nicht ein, sah den illegalen Aktivitäten machtlos zu. Anfang Juli jedoch verhängte Landespräsident Lenín Moreno für La Merced de Buenos Aires einen 60-tägigen Ausnahmezustand. In dem darauffolgenden, sechs Tage andauernden, Großeinsatz haben 2.400 Polizisten und Militärs die Goldschürfer vertrieben, ihre Lager zerstört, Massen von Schürfgut, Fahrzeugen sowie Gerätschaften darunter Kompressoren und Pumpen, beschlagnahmt2. Auf der Suche nach neuen Schürfstellen sind einige der vertriebenen Goldsucher auch nach Intag gekommen. Bislang sind es Einzelpersonen oder kleine Gruppen ohne schweres Gerät; ihre Hilfsmittel beschränken sich auf Hacken, Schaufeln, Goldwaschpfannen… Viele der Gespräche, die ich in den folgenden Tagen führe, ob in Puranquí, Peñaherrera oder Cuellaje, kreisen um die Sorgen der Bewohner.  Denn sie vertrauen nicht darauf, dass der Staat ihnen helfen wird, die Eindringlinge loszuwerden bevor sie auch in Intag Schäden anrichten. Gemeinsam wollen die DECOIN-Unterstützer herausfinden, wo genau und wie viele der Goldsucher sich bereits in den Bezirken befinden und sie vertreiben.

Einige Tage später treffen DECOIN-Präsidentin Silvia Quilumbango und ich auf Ángel Flores, der Ende März mit überraschend großer Mehrheit zum neuen Präsidenten des Bezirks Cuellaje gewählt worden ist. Der Landwirt hat die Wahl gewonnen, weil er ebenso entschiedener Bergbaugegner wie Waldschützer ist. „Der Bergnebelwald auf den steilen Hängen um die Gemeinden schützt nicht nur die dort heimischen Tiere und Pflanzen, auch die Menschen im Tal könnten nicht ohne ihn leben! Denn schließlich versorgen die Flüsse und Bäche, die den Wald durchfließen, die Familien und ihre Pflanzungen von Mais, Bohnen und Früchten mit sauberem Wasser!“ Der Bezirkspräsident und seine vielen Unterstützer in der Bevölkerung von Cuellaje sind also nicht gewillt, irgendeine Form von Erzabbau in ihrem Bezirk zuzulassen. Auch mit einer großangelegten Initiative haben sie ein Zeichen gesetzt, berichtet Ángel. „Vor zwei Wochen haben wir mit 40 Männern gemeinsam den mehr als 4.700 Hektar großen Gemeindeschutzwald durchkämmt. Goldsucher haben wir zum Glück nirgendwo angetroffen – dafür aber die Spuren von Andenbären, Pumas und kleinen Hirschen!“

 

1 https://www.ecuavisa.com/articulo/noticias/nacional/504836-2400-uniformados-entran-parroquia-buenos-aires

https://www.ecuavisa.com/articulo/noticias/nacional/515356-ecuador-entre-mineria-gran-escala-ilegal

 

2 Einen Monat später, Anfang August kommen Polizisten zurück, um das Areal komplett zu räumen und von Müll und zurückgebliebenen Habseligkeiten zu befreien.

https://www.ecuavisa.com/articulo/noticias/nacional/515736-mas-1000-policias-participan-fase-final-parroquia-buenos-aires

Unsere Autorin


Anke Blacha
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