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Erste Wahl regional? Wie ich eine Woche lang nur Produkte aus meiner Umgebung essen wollte

Bananen aus Costa Rica, Fisch aus China, Reis aus Indien: Was wir essen, ist oft schon um die halbe Welt gereist – und hat tonnenweise klimaschädliches CO2 verursacht. Das geht doch auch anders! Ich will mein Einkaufsverhalten nachhaltig ändern – und diese Woche besonders: Sieben Tage lang konsumiere ich nur regionale Produkte.

Tag 1: Wie regional ist das Brot von gegenüber?

Juhu, auf in die regionale Woche! Mit meiner Familie – Mann, Grundschulkind und Kitakind – lebe ich in Hamburg. Die Stadt ist umgeben von Bundesländern, die viel Landwirtschaft betreiben: Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern. Da sollte es doch eigentlich leicht sein, uns eine Woche lang ausschließlich von regionalen Produkten zu ernähren.

Doch wie so oft im Leben entpuppt sich vermeintlich Einfaches schnell als kompliziert. Wir brauchen Brot. Das kaufen wir meist in dem kleinen Café gegenüber. Die Brote und Brötchen, die Inhaber Andreas in dem kleinen Ofen in seinem Laden aufbackt, schmecken lecker. Ich nehme ein Sonnenblumenkernbrot.

„Woher stammt das eigentlich?“ frage ich.

„Du stellst Fragen“, antwortet Andreas und lacht. „Also: den Teigling kriege ich aus Norderstedt.“ Norderstedt liegt hinterm nördlichen Stadtrand Hamburgs. „Super, das ist doch ein echt regionales Produkt!“, freue ich mich.

Auf einem Tisch liegen verschiedene regionale Lebensmittel: Gemüse, Nudeln, Saft, Eier und Brot
Eine Auswahl regionaler Produkte aus dem Supermarkt – und Andreas‘ Brot.#© CF

Doch dann redet Andreas weiter. „Allerdings kaufe ich den Teigling bei einem Großhändler. Der wiederum bezieht seine Ware von verschiedenen Großbäckereien“, sagt er. Ach so. Meine regionale Euphorie sinkt.

Stammen denn die Großbäckereien wenigstens aus der Umgebung? „Oft ja, aber ich hatte auch schon mal was aus Frankfurt dabei“, erklärt er. Mannomann. Das klingt doch nach einigem Transport – abgesehen davon, dass wir nicht wissen, woher die Großbäckereien ihre Zutaten beziehen.

Die Sonnenblumenkerne auf meinem Brot zum Beispiel. Auch wenn bei uns im Sommer viele Sonnenblumen wachsen, stammen die Kerne vermutlich aus den USA, China oder Südamerika, wie ich später im Netz nachlese. Mist.

„Regional ist doch bloß ein Werbebegriff“, sagt Andreas. „Geh doch mal in den Supermarkt und schau dir an, was alles unter ‚regional‘ vermarktet wird.“

Tag 2: Spargelkartoffeln aus Ägypten - und was steckt eigentlich in lokaler Limo?

Niedersächsische Eier, Kartoffeln und Spargel ergeben eine leckere Spargelfrittata. Hier, was davon übrigblieb.#© CF

In den Supermarkt will ich heute sowieso, denn unser Kühlschrank ist ziemlich leergefuttert. Ein Hofladen mit frischen Produkten aus eigenem Anbau wäre jetzt mein regionaler Traum. Aber der Discounter ist näher und ich muss mich mit dem arrangieren, was in meinen Alltag passt – zwischen Arbeit, Kindern und allem, was sonst noch so anfällt.

Am Eingang schnappe ich mir einen Korb und freue mich, als ich Schilder mit der Aufschrift „Aus deiner Region“ entdecke. Stimmt, Spargelzeit! Da läuft mir schon das Wasser im Munde zusammen. Ein Bund grüner Spargel von einem Hof aus dem Alten Land wandert in den Korb. Und, wie praktisch: Neben den grünen und weißen Stangen liegt ja gleich ein Sack extra „Spargelkartoffeln“ bereit, die frisch und lecker aussehen. Meine Hand will schon nach einem Netz greifen, da lese ich: „Herkunft: Ägypten“.

An der Gemüsetheke suche ich weiter nach regionalen Kartoffeln – zu dieser Jahreszeit ganz schön schwierig. Zwischen Erdäpfeln aus Israel und Afrika versteckt sich eine Tüte mit Biokartoffeln von einem Hof bei Hamburg. Sie sind zwar etwas schrumpelig und einige keimen, aber das nehme ich gern in Kauf. Auch darüber hinaus werde ich fündig: Töpfe mit Petersilie, Basilikum und Schnittlauch, frische Paprika, Gurken – alles aus Niedersachsen.

Ebenso Bio-Eier von einem niedersächsischen Hof, denen ein aufwendig gestalteter Prospekt über den Erzeuger beiliegt. Den hätten sie sich doch eigentlich sparen können, denke ich kurz, wandert doch eh ins Altpapier. Aber über die Eier von regionalen glücklichen Hühnern freue ich mich natürlich trotzdem. Das gibt heute Abend eine leckere Spargel-Frittata.

Auch Milch, Joghurt und Butter aus der Umgebung sind im Kühlregal leicht zu finden. Und was ist das? Ein großer Stand weist auf regionale Getränke hin. Apfelsaft aus einer Mosterei aus dem alten Land – da werden sich die Kinder freuen. Auch die Limos sehen verlockend aus. Doch als ich mir die Sorten ansehe, stutze ich: Limette, Maracuja, Blutorange, Ingwer, grüner Tee?! Das scheint mir nicht wirklich regional zu sein. Wenn „in Hamburg abgefüllt“ schon reicht, um als lokales Produkt beworben zu werden, hat Andreas mit seiner Bemerkung zur Werbewirksamkeit von Regionalität vermutlich recht.

Später googele ich die Schlagworte „regionale Produkte Hamburg“ – und die Suchmaschine spuckt mir diverse Lebensmittel „made in Hamburg“ aus. Darunter zum Beispiel „Hamburger Goldmandeln“ – Wo bitte wachsen hier Mandeln? Und auch die Kakaobohnen für die „Schokolade aus Hamburg“ vermute ich eher in Südamerika als an der Süderelbe.

Wie kann das sein? Dank der Verbraucherzentrale lerne ich, dass Begriffe wie „Region“ und „regional“ nicht geschützt sind und es ratsam ist, stets nachzufragen, wofür Angaben wie „regional“ oder „von hier“ stehen.

Für mich selbst lege ich fest: Frische Produkte sollen in dieser Woche aus der Umgebung kommen, bei haltbarer Ware reicht es, wenn sie aus Deutschland stammt. Denn die Hersteller sind lediglich dazu verpflichtet, auf ihren Produkten ein Herkunftsland anzugeben und keine Region. Daher ist es für mich teils schwierig bis unmöglich herauszufinden, woher die Waren tatsächlich stammen.

Tag 3: Wie regional kann Kaffee sein?

Die Nacht war kurz, das Kitakind kriegt einen Zahn. Gerädert sitze ich am Frühstückstisch, esse Andreas‘ halbregionales Brot mit Schwiegermamas Quittenmarmelade und trinke Kaffee. Denn auch, wenn ich diese Woche nur regionale Produkte zu mir nehmen möchte – auf Kaffee kann und möchte ich nicht verzichten. Mir und meiner Umgebung zuliebe. Immerhin wurden die südamerikanischen Bohnen in Hamburg geröstet, rede ich mir ein. Dann geht’s ab ins Büro.

Dort stelle ich fest, dass ich in der Hektik am Morgen vergessen habe, etwas zu essen mitzunehmen. Na super. Glücklicherweise ist ein Biosupermarkt nicht weit und so radle ich in der Mittagspause fix dort hin. Hinter der Bäckertheke liegen lecker belegte Brötchen. Ich sehe Falafel, Oliven, Mozzarella…

„Haben Sie auch was Regionales?“

Die Verkäuferin zuckt mit den Schultern. Dann berät sie sich mit zwei Kolleginnen. „Nein, bei den fertigen Sachen nicht. Aber diese Brötchen stammen aus einer Hamburger Bäckerei“, sagt sie und empfiehlt mir Dinkelkrüstchen. Die sehen gut aus. Ich nehme welche und schaue mich dann im Markt nach Käse um. Auch hier leuchten mir von allerlei Produkten „Regional“-Aufkleber entgegen. Als ich an einem Regional-Stand exakt die Sorte Kaffeebohnen entdecke, aus denen ich uns heute morgen Kaffee gebrüht habe, schmunzle ich. Stimmt, in Hamburg geröstet.

Tag 4: Auf dem Wochenmarkt: Einiges regional – doch längst nicht alles

Heute geht es bei Sonnenschein auf den Wochenmarkt. Gleich am Anfang stehen Marcella und Rosario Giambrone aus Norderstedt zwischen Eimern voller Rosen. Eine Hummel labt sich am leuchtenden Mohn. „Zurzeit kommt etwa 80 Prozent unserer Ware aus der Region“, berichtet Marcella, „und ab nächsten Monat werden dann alle unsere Blumen aus der Umgebung sein“.

Die Eheleute verkörpern regionale Beständigkeit: Sie führen den Marktstand von Vater Giambrone fort, der 40 Jahre am Goldbekufer Blumen verkaufte. Regionale Ware sei für sie der einzige Weg, gegen die Billig-Blumen aus den Discountern zu bestehen, erzählt Rosario. „Genau das schätzen unsere Kunden.“ Ich erstehe einen Topf Rosmarin und ärgere mich ein bisschen, dass ich die anderen Kräuter im Supermarkt gekauft habe und nicht bei den freundlichen Giambrones.

Markthändler-Paar hinter einem Blumenstand
Setzen auf Blumen aus der Region: Marcella und Rosario Giambrone an ihrem Marktstand.#© CF

Auch Fischhändlerin Laurien Kalinowski berichtet, dass für ihre Kunden vermehrt die Herkunft der Meerestiere wichtig sei. Maischolle aus der Ostsee beispielsweise sei früher recht selten über die Theke gegangen, „jetzt ist die wieder richtig nachgefragt.“ Allerdings klingt die Zubereitung recht zeitaufwendig – und wie ich meine Kinder kenne, werden sie den Fisch vermutlich verschmähen. Daher nehme ich einen Seelachs aus der Nordsee. Wer ihn gefangen hat, finde ich allerdings nicht heraus. Kalinowski selbst bezieht ihre Fische vom Hamburger Großmarkt.

Dort kauft auch Marktbeschicker Detlef Engel sein Obst und Gemüse ein – darunter einiges aus der Region. Zum Beispiel Tomaten. Juhu! Regionale Tomaten habe ich in den letzten Tagen vergeblich gesucht. Alles aus Italien. Und nun lachen mich besonders die Fleischtomaten an. Riesig, rot, verlockend. Und aus den Vierlanden.

Allerdings „selbstverständlich“ im Gewächshaus gereift, wie Engel erklärt. Das ist bei aller Regionalität natürlich ein klares Minus im Hinblick auf den damit verbundenen hohen Energie- und Wasserverbrauch. Aber auch Giambrones Blumen, Kräuter und der Großteil der frischen Waren aus dem Supermarkt stammen zurzeit noch aus Gewächshäusern oder werden unter Folie gezüchtet. Doch immerhin wachsen sie nicht Hunderte oder gar Tausende Kilometer entfernt, tröste ich mich.

Tag 5: Backe, backe Dinkelbrot – aber woher stammt das heimische Superfood?

Kinderhand gabelt Nudel auf
Die Nudeln mit norddeutscher Tomatensoße kommen bei allen Familienmitgliedern bestens an.#© CF

Was in unserem Essen steckt, wissen wir am besten, wenn wir es selbst zubereiten. Entsprechend kochen wir in unserer regionalen Woche täglich selbst – und zwar lecker und abwechslungsreich, zum Beispiel

  • Spargelfrittata
  • Fisch mit Gemüse aus dem Backofen
  • Omelette

Besonders gut kommen (deutsche) Nudeln mit Soße aus Detlef Engels Fleischtomaten an, lecker gewürzt mit norddeutschem Rosmarin und Basilikum

Heute wage ich mich außerdem ans Backen. Das Rezept für Dinkelbrot aus dem Internet klingt simpel. Ruck, zuck, sind Mehl, Trockenhefe und Wasser gemischt, dazu Haferflocken und ein paar Bio-Leinsamen, die seit ewigen Zeiten in einem Glas im Vorratsschrank ihr Dasein fristen. Die werden ja immer wieder als heimische Alternative zum exotischen Superfood Chia gepriesen. Und tatsächlich: Das Brot gelingt und schmeckt allen.

Aber wo wächst eigentlich der heimische Leinsamen, frage ich mich später. Zu spät, wie sich herausstellt: Selbst Bioproduzenten beziehen ihre Ware aus China und Indien.

Tag 6: So zuckersüß schmeckt der Norden

Wer Kinder hat, wird deren Verlangen nach Süßkram kennen – und wieviel Kraft es kostet, dagegen anzukämpfen. Auch ich bin diese Woche schwach geworden und habe meinen quengelnden Schätzchen ein Eis erlaubt, obwohl mir die Verkäuferin keine Angaben dazu machen konnte, woher die Zutaten stammen.

Heute allerdings werden wir selbst Bonbons herstellen – und zwar ausschließlich mit regionalen Ingredienzien: Karamellbonbons. Wichtigste Zutat ist Zucker. Hier werde ich im Hinblick auf Regionalität mal positiv überrascht: Selbst die günstige Eigenmarke aus dem Supermarkt stammt von Nordzucker – und, wie mir eine Sprecherin auf telefonische Nachfrage erklärt, das Unternehmen bezieht die Rüben für den Zucker tatsächlich aus der weiteren Umgebung. Top! Wer braucht da Rohrohr- oder Kokosblütenzucker von jenseits des Atlantiks?

Kinderhand hält ein Karamellbonbon
Für die Kinder das Highlight unserer regionalen Woche: Selbst gekochte Karamellbonbons.#© CF

Den Zucker kochen die Kinder und ich zusammen mit regionaler Sahne und Butter zu einem köstlichen Karamell. „Mama, das fand ich am allerbesten in der regionalen Woche“, schwärmt das Grundschulkind und schleckt den Rührlöffel wie einen Lolli ab. Wie zuckersüß der Norden doch sein kann!

Tag 7: Zeit für ein Fazit der regionalen Woche

Letzter Tag der regionalen Woche. Zeit, Bilanz zu ziehen.

Was habe ich gelernt?

  • Nicht überall, wo regional draufsteht, ist auch regional drin.
  • Weder Wochen- noch Bio- oder Supermarkt sind Garanten für Regionalität.
  • Im Zweifel lohnt es sich nachzufragen, woher die Produkte genau stammen.
  • Selberkochen und -backen ist der beste Weg, den Überblick über die Zutaten zu behalten.
  • Obst und Gemüse wird außerhalb der Saison energieintensiv in Gewächshäusern gezüchtet –  daher am besten nach Saisonkalender kaufen.
  • Frische Erdbeeren habe ich auch nach einer Woche nicht satt.

Auf jeden Fall haben diese regionalen sieben Tage meinen Blick für die Herkunft unseres Essens geschärft. Ich nehme mir vor, auch künftig so viel es geht regional und saisonal einzukaufen. Aber auf zwei nicht-regionale Dinge, die ich mir diese Woche verkniffen habe, freue ich mich besonders: auf Gewürze jenseits von Salz und Küchenkräutern – und auf Schokolade.

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