Regenwaldbericht
Oktober 2016

Yasuní – ein gescheiterter Traum zurück

Im August 2013 erklärte der ecuadorianische Präsident Rafael Correa die “Yasuní Initiative” für gescheitert. Er gab so den Weg frei für die Gewinnung von Erdöl im 9.800 Quadratkilometer großen Nationalpark Yasuní in Amazonien, in einer der artenreichsten Regionen der Erde. Im Verlauf mehrerer Jahre waren Millionen Dollar dafür ausgegeben worden, um für diese Initiative Werbung zu machen – als idealer Weg zur Überwindung der Klima-Krise.

Der ursprüngliche Plan: Der Urwald bleibt intakt

Laut der Yasuní-Initiative sollten 842 Millionen Barrel Rohöl unter der Erde des Nationalparks bleiben. Im Gegenzug sollte die Weltgemeinschaft 50 Prozent des geschätzten Gewinns aus dem (verhinderten) Ölverkauf an Ecuador bezahlen – insgesamt 3,6 Milliarden Dollar. Die Projektidee wurde als herausragende Umweltinitiative gepriesen. Das Vorhaben würde verhindern, dass 400 Millionen Tonnen schädliches Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangten; die Zahlungen der internationalen Gemeinschaft sollten nachhaltige Einkommensquellen fördern. Zudem würden zwei, in freiwilliger Isolation lebende ethnische Gruppen geschützt, und die unvergleichliche Artenvielfalt der Region Yasuní bliebe erhalten.

Nach Ende der Yasuní-Initiative: Landesweite Proteste

Mit dem Scheitern der Initiative begann eine Zeit polemischer Debatten. Eine davon rankte sich um den „ökologischen Pfad“, den die Regierung geschaffen hat, um Arbeiter und schweres Gerät zu den abgelegenen Bohrplätzen im Urwald zu transportieren. Wie sich herausstellte, war der “Pfad” bis zu 26 Meter breit. Straßenbau durch unberührte Regionen bringt zwangsweise Entwaldung und Umweltschäden mit sich; er hat außerdem drastische Auswirkungen auf jene Waldbewohner, die bislang kaum Kontakt zur Außenwelt hatten. Dann wurde um den Aufwand gestritten, den eine Volksabstimmung mit sich bringen würde, die endgültig über das Schicksal von Yasuní entscheiden sollte. Yasunidos, die wichtigste Bürgerbewegung gegen die Ölbohrungen, sammelte Unterschriften für ein solches Referendum, sogar 25 Prozent mehr Unterschriften als nötig. Doch die Nationale Wahlkommission erklärte die Hälfte dieser Stimmen für ungültig. Somit hatte sich das Thema Volksabstimmung erledigt – obwohl zuvor nationale Umfragen gezeigt hatten, dass 76 Prozent der Ecuadorianer für ein Referendum waren! Diese Entscheidung führte zu großen, teilweise gewalttätigen, Protesten im ganzen Land. Im Anschluss gingen mehr und mehr Bürger auf die Straße, um auch gegen andere Regierungsvorhaben zu protestieren. Und oft waren es indigene Gruppen, die die Demonstrationen organisierten, da sie ihre Rechte in Gefahr sahen.

Ölgewinnung in Yasuní: Zu hohe Kosten?

Inzwischen sind die Ölbohrtürme installiert. Noch im August hat das erste Barrel Öl aus Yasuní Amazonien verlassen. Yasunidos ist zu einer bedeutenden Oppositionsbewegung gegen die Regierung von Correa geworden. Zudem durchlebt das Land eine schwere Wirtschaftskrise. Denn ein großer Teil seiner Einkünfte basiert auf Erdöl. Der Preis für Rohöl ist auf einem Niedrigstand. So lag der Ölpreis pro Barrel im Jahr 2013, als Correa die Yasuní-Initiative aufkündigte, noch bei 100 Dollar, heute jedoch erreicht er nur 40 bis 50 Dollar. Viele Experten zweifeln, ob die Ölgewinnung in Yasuní – selbst aus rein finanzieller Sicht – sinnvoll ist. Denn in einer so abgelegenen Region wie Yasuní Schweröl zu gewinnen, dieses über weite Strecken zu transportieren und dann zu verarbeiten, bringt sehr hohe Extrakosten mit sich. Unverdrossen gibt Correa im Juli 2016 bekannt, dass die Yasuní-Ölvorkommen 40 Prozent größer seien als ursprünglich geschätzt und lässt weiter nach dem Öl bohren.

Trotz Protest: Die Regierung bleibt bei ihrem Kurs

Jedenfalls war die Regierung Correa noch nie so unpopulär wie heute. Die Öffnung des Urwalds für die Ölgewinnung im Südosten des Landes und hunderte von Anträgen für neue Bergbaukonzessionen in Ecuador zeigen eines sehr deutlich: Correa beabsichtigt weiter auf dem Kurs der Ausbeutung von Bodenschätzen zu bleiben. Traurig nur, dass Ecuador vor dem Ende der Yasuní-Initiative auf gutem Weg war, sich ein neues Entwicklungsmodell zu eigen zu machen, eines das teilweise auf seiner biologischen und kulturellen Vielfalt basiert. Mit jedem Tag wird diese Hoffnung kleiner.

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