Regenwaldbericht
Mai 2016
– Carlos Zorrilla, der Direktor unserer Partnerorganisation DECOIN, schreibt über ein in der Intag-Region heimisches Gewächs:

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Die Cabuya-Faser und was sie mit Frauenrechten zu tun hat

Wenn man die Frauen, die in zwei Gruppen Sisalfaser verarbeiten, fragt, was sie am meisten an ihrer Arbeit schätzen, so kommt sicher sofort als Antwort: die Möglichkeit, einen Beitrag zum Familieneinkommen zu leisten. Doch gräbt man ein wenig tiefer, wird klar, dass ihnen die Gesellschaft der anderen Frauen und der Gemeinschaftsgeist der Gruppe mindestens genauso wichtig sind.

 

Der Beginn einer starken Frauengruppe

Wie in den meisten ländlichen Gegenden weltweit, ist es für Frauen schwierig, zum Unterhalt der Familie beizutragen. Normalerweise sind es die Männer, die mit ihrer Arbeit – Vieh hüten, Acker bestellen, Ernte einbringen –, das Einkommen erwirtschaften. In vielen Kulturen sind Frauen dagegen „nur“ für Kindererziehung, Kochen, Waschen und Haushalt zuständig. Wenn sie Zeit dafür finden, helfen die Frauen den Männern auch noch bei der Feldarbeit. Allerdings erhalten die Männer die Einnahmen für die verkauften Produkte. Und meist haben die Frauen nicht einmal ein Mitspracherecht, wofür das Geld verwendet wird. Auch in der Intag-Region ist kaum bezahlte Arbeit für Frauen zu finden. Bis die Amerikanerin Sandra Statz in den 1990er Jahren die Idee hatte, aus einer festen, vielseitigen Faser, vor Ort bekannt als „Cabuya“ oder „Fique“, Kunsthandwerksartikel für den Verkauf herzustellen – der Beginn der ersten Frauengruppe.


Eine Pflanzenfaser mit jahrhundertelanger Tradition

Die raue, robuste Faser der Cabuya wird aus der Sisalagave (Furcraea andina) gewonnen. Die Pflanze gehört zu einer Gattung der Agavengewächse und ist in der Karibik sowie dem nördlichen Südamerika heimisch. Lange bevor Plastik und Kunststoffe in unser Leben einzogen, wurde die Faser zur Herstellung von Hängematten, Leinensäcken, Schnüren und Seilen verwendet; bis heute werden Seile und Teppiche aus Sisal hergestellt. Und weil das Material so robust und dabei luftdurchlässig ist, werden aus ihm auch die Kaffeesäcke für den Export hergestellt.

 

Von der Pflanze zum Häkelgarn

Zur Herstellung von Cabuya-Garn werden die drei bis sieben Pfund schweren Blätter mit einem scharfen Messer von der Pflanze abgetrennt und von den Dornen an den Rändern befreit. Mit Hilfe einer einfachen Maschine werden die Blätter anschließend einzeln zerquetscht – zurück bleiben nur die Rohfasern. Diese werden dann gewaschen und an der Sonne getrocknet. Das Rohmaterial wird im Anschluss gefärbt und zu dem Faden verzwirbelt, aus dem schließlich Handarbeiten entstehen.

Sandra zeigte den Frauen, wie sie mit Sisalfaser häkeln und schöne Produkte anfertigen, die sie an Touristen des „Intag Cloud Forest Reserve“ verkauften. Für das Färben der Faser verwenden die Frauen ausschließlich Pflanzen aus dem Wald, darunter die Pigmente vom Drachenblutbaum. Das macht die Produkte für die Käufer so attraktiv.

 

Zusammenhalt macht stark

Wenige Jahre nach Gründung der ersten Frauengruppe, als der Kampf gegen den geplanten Kupferbergbau in der Intag-Gemeinde Junín begann, gab sich die Gruppe den Namen „Mujer y Medio Ambiente“ („Frau und Umwelt“). Sie bekundeten so ihre Solidarität gegen das Bergbauprojekt. Aus privaten Treffen wurde schnell eine 30-köpfige Gruppe von Frauen aus drei verschiedenen Gemeinden. Anfänglich verkauften sie ihre Produkte nur regional, inzwischen exportieren die Frauen ihre Waren sogar nach Japan. Ein weiteres Ergebnis, das neben vielen anderen, positiven Aspekten hervorsticht ist, dass es nun mehr Gleichberechtigung innerhalb der Familien gibt. Sicher liegt das auch an den vielen lokalen Veranstaltungen zum Thema Frauenrechte und Gewalt in Familien. Die Frauen fühlen sich stärker, haben größere Entscheidungsbefugnis. Die Cabuya hat Nachbarinnen zusammen gebracht, die bis dahin kein gemeinsames Ziel, keinen gemeinsamen Traum, verfolgten. Manche von ihnen laufen zwei Stunden zu Fuß zu den Gruppentreffen, die immer noch in der Intag Cloud Forest Reserve gehalten werden, wo die Initiative einst begann.

Zwanzig Jahre ist das jetzt her und die Fraueninitiative ist stärker denn je. Besucher kaufen weiterhin ihre Hüte, Gürtel, Taschen, Netze, Teppiche und andere Produkte – ein Fair-Trade-System, in dem der Erlös direkt die Produzentinnen erreicht. All das, weil eine unscheinbare Pflanzenfaser das Leben der Frauen in den grünen Tälern und Bergen der Intag-Region verknüpft.

Materialien zu dieser Meldung
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