Regenwaldbericht
April 2016
– Carlos Zorrilla, Direktor unserer Partnerorganisation DECOIN, schreibt über ein Honigbienen-Projekt in Intag

Fremde Bienen für die Intag-Region – eine geplante Katastrophe oder eine süße Gelegenheit? zurück

Bienenstöcke – vermeintlich von der Europäischen Honigbiene – sind Teil eines kleinen Entwicklungsprojekts, das hiesigen Kleinbauern helfen soll, ihren Lebensstandard zu verbessern und durch den Verkauf von Honig ein zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften. Ursprünglich sollten 100 Familien je fünf Bienenstöcke nach entsprechenden Schulungen über Bienenhaltung und einer Eigeninvestition von 230 Dollar pro Familie für Materialkosten erhalten. Nun sind es nur noch 30-40 Familien, die 500 Bienenstöcke bewirtschaften sollen. Zudem verpflichten sich die Kleinbauern, je 300 Baumsetzlinge, darunter Erle, Zeder und Guaba, auf ihrem Land zu pflanzen. Befürworter des Projekts betonen, dass sich die Imker in anderen Regionen von Amerika mit der neuen Bienenrasse erfolgreich arrangiert hätten. Doch diese Bienen sind in der Intag-Region nicht heimisch. Beispiele aus der Vergangenheit zeigen immer wieder, dass Tiere oder Pflanzen, die eingeführt werden, nicht nur Vorteile bringen. Sie verdrängen heimische Arten, verändern das Ökosystem und können mitunter mehr Probleme verursachen als mit ihnen eigentlich gelöst werden sollten. Ein Blick hinter die Kulissen lohnt sich.

Wie kam die Honigbiene nach Amerika?

Vor der Ankunft der Europäer war die Honigbiene weder in Nord- noch Mittel- oder Südamerika heimisch. Dennoch gewannen bereits die Ureinwohner, darunter die Maya, Honig; dieser stammte von den mit den Honigbienen verwandten Stachellosen Bienen (Meliponini). Im Zuge der Kolonisierung führte man dann Europäische Honigbienen (EHB), meist deutsche oder italienische Rassen, ein. Im tropischen Klima erwiesen sich diese Bienen aber als nicht besonders leistungsfähig. Deshalb versuchte man durch die Einkreuzung Afrikanischer Bienen die Leistung der Honigbienen zu erhöhen.

Rapide Ausbreitung der afrikanisierten Bienen

Basierend auf Informationen der Projektbetreiber, erhalten die neuen Imker die Bienenvölker in der Annahme, diese seien harmlos – nur bei unkontrollierten, schnellen Bewegungen oder Missgeschicken wie das Umwerfen einer Kolonie, griffen diese an. Und hunderte Stiche seien nötig, um dem Menschen gefährlich zu werden. Die Projektinitiatoren verbreiten auch das Gerücht, dass Honigbienen 80 Prozent unserer Nahrung bestäuben, eine Behauptung, die schlichtweg falsch ist. Sollten morgen alle Honigbienen sterben, würde man den Effekt kaum spüren, da es schätzungsweise 20.000 andere Bestäuber gibt, darunter Wildbienen und Hummeln. Außerdem sind die meisten Kulturpflanzen – Weizen, Reis, Mais, Hafer, Roggen, Hirse, Tomaten, Kartoffeln, Bohnen, Erbsen und Soja – gar nicht auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Was mich zusätzlich an der Vertrauenswürdigkeit der Projektverantwortlichen zweifeln lässt, ist die schon fast absurde Annahme, dass die Überlebensrate der im Projekt gepflanzten Bäume 98 Prozent betragen werde. Meine jahrzehntelange Erfahrung mit DECOIN zeigt, dass langfristig eine Überlebensrate von 70-90 Prozent je nach Baumart realistisch ist.

Die Fehlinformationen sind besorgniserregend. Selbst wenn alle neuen Bienen europäischer Herkunft und friedlich sind, werden sie sich bald mit bereits im Intag entdeckten afrikanisierten Bienen fortpflanzen und mehr und mehr deren Eigenschaften übernehmen. Auffällig bei der afrikanisierten Biene ist die im Vergleich zur Europäischen Honigbiene schnellere Vermehrung und ihre Fähigkeit, sich sehr effektiv mit anderen Bienen zu kreuzen. Da sie viel häufiger ausschwärmen als die EHB bedeutet das, dass aus den ursprünglich 500 Kolonien voraussichtlich tausende unkontrollierte verwilderte Kolonien entstehen. Das ist keine Übertreibung oder Vermutung – man nennt dies aus Erfahrung lernen.

Was uns die Geschichte lehrt

Vor 1957 gab es in Amerika keine einzige Kolonie afrikanisierter Bienen. In diesem Jahr entkamen 26 Schwärme mit afrikanischen Königinnen aus einer Versuchsstation in Brasilien. Sie haben sich seither in ganz Südamerika verbreitet. Pro Jahr legen sie bis zu 300 Kilometer zurück, dringen auf diese Weise immer weiter in die südlichen Bundesstaaten der USA vor. Mit anderen Worten: Die afrikanisierte Biene besitzt die Fähigkeit, sich extrem schnell und erfolgreich auszubreiten. Neben der Konkurrenz um Nahrung mit heimischen Bestäubern (die sie verdrängen können), besetzen sie die Nistplätze vom Aussterben bedrohter Tiere wie etwa der Schleiereule, töten sie sogar. Außerdem übertragen sie einige der 24 Virusarten, die Honigbienen befallen können. Da sie genetisch eine Veranlagung für aggressiveres Verhalten aufweisen und sie ihren Bienenstock viel stärker verteidigen als die Europäische Honigbiene, kommt es häufiger zu tödlichen Angriffen auf Tiere und Menschen. So vor kurzem geschehen bei einem Nachbarn von mir, der durch nur drei Stiche fast an einem anaphylaktischen Schock (eine schlimme allergische Reaktion) starb.

Für und Wider

Ist ein solches Vorhaben wirtschaftlich? Wie entwickelt sich der Lebensstandard der Familien durch die Bienenstöcke? Berücksichtigt man, dass der größte Teil der Intag-Region mit Nebelwald bedeckt ist und, dass es pro Jahr mehr als 2000 Millimeter Niederschlag gibt, so können wolkige und kühle Regentage die Honigproduktion mindern und die Imker zwingen, ihren Bienen Zucker zuzufüttern –was das Einkommen schmälert. Niemand weiß, ob die eingeführten Bienen auf Virusinfektionen überprüft werden, bevor sie in die Intag-Region kommen.

Was ist falsch daran, einige hundert Bienenkolonien in die Intag-Region zu schaffen, wenn es dort bereits afrikanisierte Bienen gibt und Imker anderenorts gelernt haben, mit ihnen umzugehen? Für mich lautet die bessere Frage: Ist es angesichts des fraglichen wirtschaftlichen Nutzens klug, hunderte neuer Bienenkolonien einzuführen, die schon bald ein Risiko für heimische Bestäuber, Mensch und Tier darstellen, in einem Gebiet, das eine reiche, schützenswerte Flora und Fauna besitzt?

Selbst wenn Projekte dieser Art gut gemeint sind: Wenn vorab die Sachlage nicht gründlich geprüft wird, können sie großen Schaden in der Natur und beim Menschen anrichten.

Materialien zu dieser Meldung
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