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Lecker, nachhaltig - und günstig: Wie wir eine Woche lang Lebensmittel retteten

Eine angeschimmelte Banane hier, ein harter Brotkanten da, die Nudelreste von vorvorgestern:  Rund zwölf Millionen Tonnen Essen landet pro Jahr in deutschen Mülltonnen. Das habe ich sowas von satt! Diese Woche wollen meine Familie und ich bewusst darauf achten, nichts wegzuwerfen. Gar nicht so leicht mit drei Kilo überreifer Birnen auf dem Balkon…

von Kristina

Auberginenhorror im WG-Kühlschrank

Folgende Szene aus meiner ersten WG bleibt unvergessen: Wir machen den Kühlschrank sauber. Er hat es nötig. Plötzlich staunt der Freund meiner Mitbewohnerin: „Hey, ich wusste gar nicht, dass ihr Auberginen habt!“ Sie so: „Ich auch nicht.“ Gummibehandschuhte Hände öffnen das Gemüsefach und die Aubergine entpuppt sich als: ehemaliges Baguettebrötchen. Puh. Wir lachen. Schmeißen die falsche Aubergine in den Abfall. Und schämen uns ein bisschen.

Das Thema Lebensmittelverschwendung begegnet uns in vielen Facetten. Unaufgeräumte Kühlschränke sind nur eine davon.  Vom Acker bis zum Teller landen laut Bundeszentrum für Ernährung (BEZ) jährlich zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll, die Hälfte davon stammt aus privaten Haushalten. Was für ein Verschwendung! Wie konnte es soweit kommen? Seit meiner WG-Zeit sind etliche Jahre ins Land gezogen und ein zweites Auberginenszenario habe ich zum Glück noch nicht erlebt. Trotzdem passiert es immer wieder mal: Brot wird hart, Milch sauer, Möhren schimmelig. Das soll anders werden!

Ein Herz für Fallobst

Lebensmittel retten: Birnen
Diese Woche gibt es dank der Schwiegereltern bei uns Birnen ohne Ende.#© CF

Diese Woche habe ich ein besonderes Auge auf die Birnen. Meine Schwiegereltern haben sie vorbeigebracht. Bestimmt drei Kilo lagern nun auf unserem Balkon und schauen mich durchs Fenster aus immer größer werdenden braunen Augen an. Schwiegermama und -papa haben ein Herz für Fallobst. Sie haben einen Krieg miterlebt und wissen, was es heißt, Essen rationieren zu müssen. Tatsächlich wird bei ihnen zu Hause so gut wie nie etwas schlecht. Selbst die matschigste Banane begrüßt Schwiegermama mit einem „Na, meine Hübsche, du willst sicher gegessen werden.“ Daran will ich mir in dieser Woche ein Beispiel nehmen.

Besagte Birnen haben sie an einer öffentlichen Wiese gepflückt. Bergeweise hätten bereits welche unter dem Baum gelegen, erzählt Schwiegermama. Dabei sind sie süß und saftig – viel zu schade, um zu verkommen! Allerdings müssen sie nun auch schnell verputzt werden, denn aus einer kleinen Druckstelle ist ruck, zuck eine halbbraune Birne geworden. Also gibt es Birnen, Birnen und Birnen: Morgens in den Haferbrei, als Snack zwischendurch und am Nachmittag als Kuchen.

Lebensmittel retten: Hand mit Gabel sticht in Kuchenstück auf Teller
Selbst gebackener Birnenkuchen.#© CF

Nicht nur meine Schwiegereltern, auch die Kinder und ich finden es toll, Obst und Gemüse zu sammeln oder anzubauen – und tatsächlich ist das auch mitten in unserer Heimatstadt Hamburg möglich. In der Nacht ist ein heftiger Sturm durchs Viertel gezogen. Als ich das Grundschulkind vom Fußballtraining abhole, bremsen wir mit unseren Fahrrädern scharf, als wir sehen, was der Wind auf Bürgersteig und Straße gepustet hat: Haselnüsse noch und nöcher. Bevor sie von Autos überrollt oder von Fußgängern zertrampelt werden, stopfen wir uns sämtliche Taschen voll. Zu Hause rösten wir sie im Backofen. Köstlich!

Die Lunchpakete der Anderen

Ich freue mich sehr darüber, dass die Kinder Spaß daran haben, ihr Essen selbst zu sammeln. Denn insgesamt ist es nicht leicht, ihnen angesichts des Überangebots allerorten zu vermitteln, wie wichtig ein sorgsamer Umgang mit Lebensmitteln ist. In der Grundschulmensa beispielsweise steht neben dem Buffet ein großer Eimer, in den die Schüler*innen die Überbleibsel ihrer Mahlzeiten kippen. Manchmal seien die Teller noch komplett gefüllt, erzählt mein Grundschulkind. Doch es hat sich fest vorgenommen, künftig nur so viel aufzutun, wie es auch isst.

Der Eifer, zum Lebensmittelretter zu werden, geht beim großen Kind sogar noch weiter. Als es einen Ausflug macht und die Kinder über Mittag mit einem Lunchpaket versorgt werden, sammelt es die übriggebliebenen Reste anderer ein, „damit die nicht in den Müll kommen.“ Neben diversen ungeöffneten Früchteriegeln und zwei Äpfeln bringt es drei Käsestullen aus der Schule mit. Leider hat es selbst überhaupt keine Lust, die zu essen – resultiert wohl aus einer gewissen Abneigung gegenüber Vollkornbrot. „Na gut“, seufze ich. Zusammen mit einer warmen Linsensuppe verspeist, ergeben sie am Ende ein leckeres, sättigendes Mahl.

Ein hartes Brot wird zur leckeren Mahlzeit

Brot und andere Backwaren gehören zu den am häufigsten weggeworfenen Lebensmitteln. Auch in unserem Brotkorb finde ich immer mal wieder einen harten Kanten, an dem sich keiner die Zähne ausbeißen möchte. Braucht auch niemand. Denn hartes Brot lässt sich wunderbar weiterverwenden, zum Beispiel als Paniermehl oder eingeweicht für Frikadellen.

Heute beschließe ich, ein uraltes Gericht daraus zu machen: Arme Ritter. Dieses wunderbare Rezept ist mindestens seit dem Mittelalter bekannt, ruck, zuck zuzubereiten und schmeckt himmlisch.

  • Brotscheiben in Milch einweichen
  • In geschlagenem Ei wenden
  • In der Pfanne mit Öl oder Butter braten.

Wer es süß mag, gibt Zucker oder Honig hinzu, herzhaft wird es mit Salz und Pfeffer. Statt dem Ei können auch beispielsweise eine reife Banane oder Kichererbsenmehl benutzt werden.

Lebensmittelverschwendung stoppen: Altes Brot auf Teller
Knochentrocken: Was mache ich mit den harten Brotkanten?#© CF
Lebensmittel retten: Arme Ritter aus altem Brot
Mmh, lecker, „Arme Ritter“: So gut kann altes Brot schmecken!#© CF

Einkauf bei den Brotrettern

Etwa 1.000 Liter Wasser fließen, bis ein Brot gebacken ist – wie unfassbar schade, wenn es dann niemand isst! Viele Bäckereien geben einen Teil der Backwaren vom Vortag zwar an die Tafeln, doch das meiste wird an Tiere verfüttert – „Muffins vor die Säue“, sozusagen. Das möchte die norddeutsche Bäckerei Junge in Zusammenarbeit mit der Obdachlosenzeitschrift „Hinz und Kunzt“ ändern. Sie haben das Sozialprojekt „Brotretter“ ins Leben gerufen. Das Konzept: Obdachlose verkaufen Brot und Gebäck vom Vortag zu besonders günstigen Preisen. Einer der beiden Shops befindet sich in Hamburg-Lohbrügge, dem statten die Kinder und ich heute einen Besuch ab.

Wir kommen kurz vor Ladenschluss an, die Auslage ist überschaubar. Dafür ist der Verkäufer umso freundlicher und reicht jedem Kind direkt ein Schokobrötchen über die Theke. Für umsonst. Die Kleinen strahlen und mümmeln es gleich weg. Ich entscheide mich für ein lecker aussehendes Kürbiskernbrot. Doch: „Das ist Dekoration“, sagt der Verkäufer mit einem Schmunzeln. Na gut. Dann nehme ich eben drei Packungen Schnittbrot mit – und einen Berliner mit ganz vielen Schokostreuseln, den mir das große Kind abschwatzt. Toll finden wir das, und zahlen für zwei Brote und einen Berliner gerade mal 1,47 Euro. Schade nur, dass der Laden am anderen Ende der Stadt liegt – ohne eine Stunde Anfahrt würden wir hier sicher häufiger einkaufen.

Lebensmittel retten: Kinderhand hält Brötchen von den Brotrettern
Das geb‘ ich nicht mehr her“: Unser Kitakind freut sich über das geschenkte Schokobrötchen von den Brotrettern.#© CF

Initiativen und Apps gegen Lebensmittelverschwendung

Bis 2030 soll sich die Lebensmittelverschwendung halbieren. Dieses Ziel haben sich jedenfalls die Vereinten Nationen gesetzt. Entsprechend hat das Bundeskabinett im Februar 2019 eine „Nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung“ beschlossen. Die Brotretter und einige weitere Vorreiter engagieren sich indes schon weit länger in Sachen Lebensmittelwertschätzung.

Viele von ihnen nutzen das Prinzip der Sharing Economy – also der Ökonomie des Teilens und haben dazu tolle Apps entwickelt. Zum Beispiel Too good to go. Mit dieser App können beispielsweise Restaurants, Hotels, Cafés und Bäckereien übrig gebliebenes Essen günstig weiterverkaufen. Eine Win-Win-Situation für die Betriebe, die weit weniger wegwerfen – und für die Nutzer, die für kleines Geld leckere Speisen erhalten.

Auch für Privatleute, die Essen verschenken möchte, gibt es Angebote. Die kostenfreie und erfolgreiche Initiative Foodsharing.de etwa, die sich seit 2012 gegen Lebensmittelverschwendung engagiert. Oder die nach einer russischen Fischsuppe benannte mobile App UXA. Ich telefoniere kurz mit UXA-Mitarbeiter Carlos „Das Prinzip ist ganz einfach“, erklärt er. „Wer Essen übrig hat, das er verschenken möchte, fotografiert es und stellt es ein. Dann meldet sich jemand und ihr verständigt euch darüber, wann sie oder er das Essen bei dir abholt.“

Eine super Idee, finde ich. Leider funktioniert UXA in meiner Umgebung gerade nicht. Aktuell habe die App etwa 35.000 Nutzer und ihre Schwerpunkte in den Regionen rund um München und Dresden, berichtet Carlos. Gemeinsam mit Gründerin Lisa arbeite er zurzeit daran, die Bekanntheit der App voranzutreiben und noch mehr Leute zum privaten Foodsharing zu bewegen. Denn das hat seiner Ansicht nach drei unschlagbare Vorzüge:

  • Du tust was Gutes für die Umwelt
  • Du sparst Geld
  • Du kommst mit Leuten aus deiner Umgebung in Kontakt.

Recht hat er! Ich nehme mir vor, künftig auch Foodsharing-Apps zu nutzen und darüber Lebensmittel zu teilen. Aktuell habe ich allerdings nichts einzustellen. Denn die Birnen von den Schwiegereltern haben wir am Ende der Woche tatsächlich aufgegessen. Und, ehrlich gesagt, hätte man sie auch niemand anderem mehr anbieten können.

Lebensmittelverschwendung stoppen: Tipps

  • Immer nur so viel kaufen, wie auch verbraucht wird.
  • Das heißt: Spontankäufe möglichst vermeiden.
  • Die richtige Lagerung von Lebensmitteln entscheidet über deren Haltbarkeit.
  • In einem übersichtlichen Kühlschrank wird nichts schlecht.
  • Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist nicht das Verfallsdatum: Geruchs- oder Geschmacksprobe zeigen, ob das Lebensmittel noch genießbar ist.
  • Was schlecht zu werden droht: Entweder essen, verschenken – oder haltbar machen.
  • Konservierungsmethoden wie Einfrieren, Einmachen oder Fermentieren helfen dabei, große Mengen an Lebensmitteln haltbar zu machen.
  • Vernetzten, um Lebensmittel zu retten: Es gibt tolle Apps gegen Lebensmittelverschwendung!

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