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Chaos ade: Wie ich unsere Wohnung ausmistete – aber nachhaltig!

Ausmisten ist angesagt. Bücher wie „Magic Cleaning“ stürmen die Bestsellerlisten, es gibt Filme und eine Netflix-Serie zum Thema. Auch unsere Wohnung wartet schon lange darauf, mal gründlich aufgeräumt zu werden. Also lege ich los. Angesichts der vielen Dinge frage ich mich, warum wir so viel besitzen – und wie nachhaltig die als Aufräumqueen gefeierte Marie Kondo eigentlich ist.

Eine Wohnung voller Dinge

Zugegeben, die Ordnung in Person bin ich nicht gerade. Nie gewesen. Als Teenager parierte ich Aufforderungen meiner Mutter, endlich mein Zimmer aufzuräumen mit Sprüchen wie „Nur das Genie beherrscht das Chaos“. Dabei fand ich mich ziemlich cool. Nun bin ich seit einigen Jahren selbst Mama. Und, was soll ich sagen: Unsere beiden Kinder müssen auch Genies sein – und mein Mann sowieso. Für eine 65-Quadratmeter-Wohnung ein Quäntchen zu viel Genialität. Es ist also an der Zeit, gründlich auszumisten! Die Frage ist nur: Wo beginnen?

Vorbereitung ist die beste Prokrastination. Im Netz schaue ich mir Dokus an, in denen Menschen ihr Zuhause und ihr Leben neu ordnen. Besonders gefällt mir eine Reportage zu der Frage: „Wie viele Dinge brauchen wir wirklich?“ Darin räumt eine Familie sämtliche Gegenstände aus ihrem Haus in zwei große Container – vom Bett über den Kühlschrank bis hin zu Autoschlüssel und Smartphone. Nach und nach holen die Familienmitglieder dann die Dinge zurück, die sie nach ihrer Einschätzung am dringendsten benötigen.

Affen-Handpuppe vor gefüllter Spielzeugtruhe
Mich laust der Affe: Woher kommt der ganze Kram in der Spielzeugtruhe? #© CF

Die Idee hinter dem Beitrag spricht mich an, denn: Besitzen wir nicht alle eigentlich viel zu viel? Wenn ich mich in unserer Wohnung umgucke: eindeutig ja! Volle Wäschekörbe, überbordende Kleiderschränke, Bücherregale, Spielzeugtruhen und, und, und.

Der Kampf gegen das Sockenmonster

Sockenhaufen auf Teppich
Auf die Socken, fertig, los: Der unsortierte Strumpfvorrat unserer vierköpfigen Familie. #© CF

Socken sind bei uns ein großes Thema. Die finde ich nahezu überall in der Wohnung: unter dem Sofa, auf dem Bett, in der Spielzeugkiste. Leider meist einzeln. Und gefühlt sind immer, wenn jemand welche braucht, keine da. Dabei habe ich schon so oft neue gekauft. Um das Chaos ein wenig zu lichten, haben wir vor einigen Monaten einen Sockenkorb eingeführt. Darin sammeln wir alle verwaisten Strümpfe in der Hoffnung, dass sich irgendwann einmal das Gegenstück findet. So die Theorie. In der Praxis wühlen wir dort bei großem Sockenmangel nach halbwegs ähnlichen Exemplaren, um nicht barfuß aus dem Haus zu müssen.

Nun steht der Korb als Mahnmal auf unserer Schlafzimmerkommode. Voll bis oben hin. Schreiten wir also zur Tat und sagen dem Sockenmonster den Kampf an. Beherzt kippe ich den Korb auf dem Wohnzimmerteppich aus. Dann suche ich aus sämtlichen Wäschekörben, Ecken und Enden alle weiteren verwaisten Strümpfe heraus und lege sie dazu. Am Ende ragt ein beachtlicher „Monte Socke“ auf dem Teppich in die Höhe.

Wie Haufen helfen können

Hand hält Socke als Handyschutz
Coole Socke: Ein verwaister Strumpf dient meiner Kollegin jetzt als Handyschutz.#© CF

Mit dieser Aktion habe ich übrigens intuitiv eine bewährte Methode der bekannten Ordnungsberaterin Marie Kondo angewendet, wie ich später von einer Freundin erfahre. Kondo rät dazu, vor dem Sortieren sämtliche Dinge auf einen Haufen zu schütten, um sich einen Überblick über den Besitz zu verschaffen. Als Aufräumqueen ist Kondo gerade voll angesagt, erfahre ich. Auf Netflix gibt es sogar eine Serie über sie. Darin hilft sie Menschen, deren Haushalt zu entrümpeln.

Leider dauert es im echten Leben wesentlich länger als im Fernsehen. Zwei Stunden lang sortiere ich: Kinder-, Frauen-, Männerstrümpfe. Dann ist es vollbracht. „Und, wie viele Paare sind es?“, frage ich den Rest der Familie später. Mein Mann schätzt 40, das Grundschulkind 20. Tatsächlich sind es, sage und schreibe: 125 Paar.

Ich bin völlig von den, ähm, Socken und schwöre mir, künftig keine neuen mehr zu kaufen. Mann und Grundschulkind nehme ich das Versprechen ab, ausgezogene Strümpfe künftig nur noch paarweise in die Wäschekörbe zu werfen. Das Kitakind bleibt ein Unberechenbarkeitsfaktor.

Klar, einige Socken finden kein Gegenstück, doch es sind deutlich weniger als zu Beginn. Um nicht alle wegwerfen zu müssen, nutzen wir einige zweckentfremdet weiter. Eine Kollegin auf der Suche nach einem Handyschutz freut sich über eine geringelte Kindersocke. Zwei andere Socken schneide ich ab und verwende sie als Manschetten für selbst gebastelte Stifteständer und einen Übertopf.

Abtauchen in die Untiefen des Kleiderschranks

Am nächsten Tag steht der Kleiderschrank an. Auch hier: erstmal alles raus! Verborgen unter viel zu vielen langen Kleidern an der Garderobenstange stehen auf dem Schrankboden: Schuhkartons mit getrockneten Blumen, eine Tasche mit Krimskrams sowie ein alter Kindertragesack, in den längst niemand mehr aus unserem Haushalt passt.

Und hey, was ist das denn? Hinter der Tasche ziehe ich eine Trinkflasche unseres Kitakindes hervor. Stimmt, es spielt gern im Kleiderschrank Verstecken. Aber warum mit Milchflasche? Wie lange die schon im Schrank liegt, kann ich nur ahnen. Denn das, was einmal Milch war, ist in einen neuen, etwas ekligen Aggregatszustand übergegangen. Ich schüttele mich und versuche, die Flasche zu reinigen. Doch selbst Abkochen hilft nicht. Das müffelnde Ding wandert in die Tonne und ich habe ein schlechtes Gewissen. Mit mehr Ordnung im Kleiderschrank wäre das nicht passiert.

Wie nachhaltig ist Marie Kondo?

Autorin beim Kleiderschrank ausmisten
Das Ausmisten des Kleiderschranks fördert manchen verborgenen Schatz zu Tage. Ob dieses Kleid der Schwägerin gefällt? #© CF

Dann wende ich mich den Klamotten zu. Stark an Trends orientiert war ich nie. Trotzdem finden sich in meinem Kleiderschrank zwei Kleider, die ich irgendwann aus einer Laune heraus gekauft und noch nie getragen habe – vermeintliche Schnäppchen. Weg damit. Aber wohin? Dafür hat Aufräumqueen Marie Kondo leider keine Lösung. Bei ihr wandert alles in die Tonne – das ist hinwiederum alles andere als nachhaltig und ärgert mich. Hat Kondo denn noch nie etwas von Re- oder Upcycling gehört? Ich werde mal meine Schwägerin fragen, ob ihr die Kleider gefallen.

Beim weiteren Aufräumen denke ich über unsere Konsumgesellschaft nach und darüber, wie geschickt Werbung den Erwerb von Dingen an positive Emotionen koppelt. „Wir shoppen nicht, wir kaufen uns glücklich“, lautet beispielsweise das Motto des Einkaufszentrums in unserer Nähe. Was für ein Quatsch! Abgesehen davon, dass sich Glück eh nicht kaufen lässt und der neuronale Kick über den Erwerb neuer Produkte recht schnell abflaut, verschlingt unsere Lust am schnellen Konsum wichtige Ressourcen ohne Ende.

Gerade im Fashion-Bereich. Laut Greenpeace-Studie kaufen deutsche Verbraucher im Schnitt 60 Kleidungsstücke jährlich, davon wird etwa jedes Fünfte so gut wie nie getragen. Mehr als 20 Kollektionen bringen einige bekannte Marken pro Jahr heraus. Nicht auf dem Laufsteg: die Näherinnen, die für Billiglöhne schuften. Die giftigen Chemikalien, mit denen die Kleidung behandelt wird. Die Milliarden Liter Wasser für die Baumwollproduktion. Die langen Transportwege.

Altkleider weitergeben statt wegwerfen

Meine aussortierte Kleidung teile ich in mehrere Stapel auf:

  • Auf einen kommen die Klamotten, die ich weitergeben möchte. Was Schwägerin und Schwester nicht gefällt, geht an Hanseatic Help, eine Hamburger Hilfsorganisation für geflüchtete Menschen.
  • Auf den zweiten Stapel kommt Kleidung, die ich als Erinnerung behalten möchte, z. B. Babysachen aus meiner Kindheit oder der Rock vom Abiball. Die packe ich in einen Karton, den ich in den Keller stelle – vorausgesetzt, dort ist noch Platz.
  • Auf den dritten Stapel kommen Altkleider, die eigentlich nicht mehr tragbar sind: zerrissene Hosen, ausgeleierte Unterwäsche und Co. Aus drei alten Unterhemden schneide ich mir Putzlappen zurecht. Der Rest wandert in den Altkleidercontainer, dann wird er durch das Recycling wenigstens noch zu Dämmmaterial verarbeitet.

Am Ende des Tages sieht mein Schrank so aufgeräumt aus wie nie zuvor und ich freue mich. Die Aktion hat gutgetan. Eines ist mir beim Aufräumen aufgefallen: Zwar gehe ich selbst eher selten neue Kleidung shoppen, tendiere aber offenbar dazu, abgelegte Kleidung von anderen in meinen Schrank zu räumen, immer mit dem Gedanken: „Das kann ich nochmal anziehen.“ Mamas Glitzerpullis, Schwesters abgelegte Kleider: Für die Zukunft nehme ich mir vor, öfter mal Nein zu sagen.

Eine Familie im Aufräum-Fieber

Ein Bücherregal
Das Bücherregal vor dem Ausmisten: Ablagefläche für Fahrradschloss, Locher, Kinderzeichnungen und mehr. #© CF

Der Rest der Familie lässt sich vom Ausmist-Fieber anstecken, zumindest zeitweise. Gemeinsam mit meinem Mann räume ich im Laufe der Woche das Bücherregal im Flur auf, das wir zuletzt vermehrt auch als Ablage für Briefe, Schuhlöffel, Fahrradschloss, Kinderzeichnungen und Krimskrams genutzt haben. Bis alles sortiert ist, stapeln sich die Bücher drei Tage lang im Wohnzimmer. Aber danach ist es wunderbar.

Bücher, von denen ich mich noch nicht trennen möchte, packe ich in eine Kiste. Ebenso wie die Kindheitskleidung kommen sie in den Keller. Vielleicht ziehen wir ja irgendwann mal in eine größere Wohnung.  „Die anderen Bücher kannst du doch zum Friseur geben“, schlägt mein älteres Kind vor. Gute Idee: Vor dem Laden gegenüber unserer Wohnung steht ein Buchtauschregal. Dort haben wir schon manche Lektüre mitgenommen – nun legen wir einige Bücher zurück. Die anderen kommen zu einem Secondhandshop der unabhängigen Hilfsorganisation Oxfam.

Bücher und Kisten in einem Regal
Das Bücherregal nach dem Ausmisten: Wohl sortiert und beruhigend für die Augen. Aber wer hat den Schuhlöffel schon wieder dort hingehängt? #© CF

Später räumen unsere Kinder gemeinsam mit der Oma die Spielzeugtruhe auf. Anschließend legt das Grundschulkind eine Decke auf den Bürgersteig vorm Haus und veranstaltet gemeinsam mit einer Freundin einen Flohmarkt. Am Ende freut es sich über einen beträchtlichen Gewinn, der das wöchentliche Taschengeld um ein Vielfaches übersteigt. Fazit: „Das mach ich jetzt öfter!“ Ich selbst freue mich schon auf die Ferien. Dann wollen wir gemeinsam den Keller ausmisten. Mal sehen, ob die Wohnung bis dahin so aufgeräumt bleibt wie jetzt!

Warum sich Ausmisten für euch und die Umwelt lohnt

  • Wer einen Überblick über seine Dinge hat, kauft nicht versehentlich welche doppelt.
  • Abgelegte Sachen können für andere wertvoll sein, daher: weitergeben oder spenden.
  • Wenn alles seinen Platz hat, findet ihr es schneller – und haltet leichter Ordnung
  • Aufgeräumte Wohnungen lassen sich leichter und schneller putzen.
  • Ihr lebt und konsumiert bewusster.
  • Bei künftigen Umzügen müsst ihr weniger schleppen.

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