© Dino von Wintersdorff

Hält er, was er verspricht? Mein erstes Date mit dem E-Scooter

Ich habe schon viel von ihm gehört und er begegnet mir fast täglich auf der Straße, doch gegrüßt haben wir uns bislang nur aus der Ferne. Aber jetzt werden wir uns endlich kennenlernen: der E-Scooter und ich. Ist er fortschrittlich oder einfach nur wahnsinnig? Rücksichtslos oder sicher? Ich will mir mein eigenes Bild machen!

Gemischte Gefühle

Na, das beste Wetter haben sich der E-Scooter und ich nicht für unsere erste Begegnung ausgesucht. Der Himmel hängt grau über dem Hamburger Hafen und zwischenzeitlich regnet es. Doch nicht nur deswegen gehe ich mit gemischten Gefühlen zu diesem Treffen.

Natürlich habe ich mich vorher über mein Date informiert. Ich habe zwar nicht sein Social-Media-Profil durchstöbert, doch wenn ich seinen Namen googele, spuckt mir das Internet genug Informationen über ihn aus. Darunter ist nicht nur Gutes.

Sein fest verbauter Akku soll nur eine kurze Lebensdauer haben, danach ist er bloß noch Elektroschrott. Und auch so klimafreundlich wie er sich gerne gibt, scheint der Elektroroller gar nicht zu sein, da die Batterien der Leih-Scooter wohl nicht immer mit Ökostrom geladen sind und für besagten Ladevorgang auch noch mit dem Auto eingesammelt werden.

Bevor ich meinen Vorurteilen weiter freien Lauf lasse und am Ende noch kneife, mache ich mich lieber auf zu meiner Verabredung.

Ein erstes Beschnuppern

Schlecht geparkter E-Scooter
Praktisch für mich, ungünstig für Fußgänger: Ein schlecht geparkter E-Scooter wartet vor der Tür auf mich. # © CF

Wie nett, mein Date holt mich direkt vor der Tür ab! Naja, genau genommen hat jemand den E-Scooter einfach vor dem Eingang geparkt – in ziemlich schlechtem Stil, mitten auf dem Gehweg. Das bestätigt ein erstes Klischee: Die freie Verfügbarkeit der Elektroroller ohne feste Ladestationen verleitet dazu, sie gedankenlos abzustellen.

Aber wer wird denn schon meckern, bevor man sich überhaupt vorgestellt hat. Ich lade mir die Smartphone-App des E-Scooter-Anbieters TIER herunter und gebe meine Daten ein. Bei der Zahlungsmethode habe ich die Wahl zwischen PayPal und Kreditkarte. Wer über beides nicht verfügt, kann in der Regel keinen Roller ausleihen. Auch dürfte es manchen Datenschützern sauer aufstoßen, dass die App den Standort der sie benutzenden Menschen abfragt. Insgesamt dauert die Registrierung aber nicht länger als fünf Minuten.

Ich probiere die verschiedenen Features der App aus und drücke auf einen großen Button mit einer Klingel. Der TIER neben mir gibt ein lautes Piepen von sich und ich zucke zusammen. Versehentlich habe ich die Suchfunktion betätigt. Weil ich meinen E-Roller aber schon gefunden habe, kann es jetzt losgehen. Die Freischaltung wird mit einem kurzen Tonsignal quittiert.

Meine ersten holprigen Fahrversuche starte ich – ausgerechnet! – auf nicht weniger holprigem Kopfsteinpflaster. Bei diesem Test fällt der E-Scooter glatt durch: Ich werde ordentlich durchgeschüttelt, wie auf einer Offroad-Piste. Angenehm ist das nicht. Unbeholfen eiere ich den Weg entlang und bin froh, dass das Kopfsteinpflaster nach einem kurzen Stück auf eine asphaltierte Straße führt.

E-Scooter auf Kopfsteinpflaster
Sieht holprig aus – und ist es auch: E-Scooter fahren auf Kopfsteinpflaster. # © Dino von Wintersdorff

Warum starren die uns alle an?

E-Scooter auf dem Fahrradweg
Kommt mir nicht zu nahe! Mit den Autos neben mir fühle ich mich nicht so richtig wohl. # © Dino von Wintersdorff

Auf dem glatten Asphalt kann ich das Fahren besser üben. Ich stelle mich mit dem rechten Fuß auf den E-Scooter, stoße mich mit dem linken einige Male vom Boden ab und drücke einen kleinen Schalter an der rechen Seite des Lenkers nach unten.

Gerade beim Anfahren gibt der Roller ganz schön Gas und zieht nach vorne. An dieses Gefühl muss mich erst einmal gewöhnen und so bremse ich wieder ab – ziemlich abrupt. Warum hat mir keiner gesagt, dass die starke Vorderbremse rechts und die schwächere Hinterbremse links am Lenker ist? …

Nach einigen Anfahrversuchen habe ich mich daran gewöhnt, dass mein Date ein wenig ungestüm ist und gerne nach vorne prescht – wir verstehen uns trotzdem.

Wären da nicht … die Blicke der anderen Leute. Menschen zu Fuß, auf dem Fahrrad und im Auto – alle starren. Ich fühle mich unwohl. Kurz zuvor hat mich eine alte Dame angeschnauzt, die mir entgegengekommen ist. „Das ist nur auf dem Fahrradweg erlaubt!“ – „Aber da laufen SIE doch gerade.“  – „NUR auf dem Fahrradweg!“ 

Nun stehe ich also auf besagtem Fahrradweg an der Ampel und warte darauf, dass sie auf Grün springt. Dabei spüre ich wieder die Blicke auf mir. Als E-Scooter-Fahrerin fühle ich mich nirgendwo willkommen, weder auf der Straße noch auf dem Rad- oder Fußweg. Immer habe ich das Gefühl, dass ich jemandem im Weg bin.

Doch plötzlich schließt ein weiterer Angehöriger der E-Scooter-Fraktion zu mir auf und stellt sich direkt neben mich. Wir werfen uns ein zaghaftes Lächeln zu. Dadurch fühle ich mich nicht mehr ganz so allein. Ich tätschle meinen TIER und denke: „Lass sie nur gucken, Darling, lass sie nur gucken.“

Bring mich einfach ans Ziel

E-Scooter von TIER stehen am Baumwall
In Reih und Glied: So ordentlich geparkt sieht man die E-Scooter selten. # © CF

Knapp fünf Kilometer beträgt der Weg zu meinem Ziel. Und auch wenn man es nicht glauben mag, hat das flache Hamburg durchaus einige Steigungen zu bieten. Während ich mich auf der Strecke regelmäßig mit dem Fahrrad abstrample, surrt der E-Scooter den Berg mit Leichtigkeit hoch.

Das Tempo liegt konstant zwischen 19 und 20 km/h, wenn ich den „Gashebel“ permanent gedrückt halte. Bergab schafft es der Elektroroller sogar auf über 21 km/h. Während der etwa 15-minütigen Fahrt bemerke ich, dass mein Finger vom Betätigen des Hebels langsam verkrampft. Die Roller sind wirklich nur für Kurzstrecken ausgelegt.

Auch ist der TIER ein echter Klops! Mein Fahrrad hebe ich mit Leichtigkeit über Bordsteinkanten. Den schweren E-Scooter dagegen schleife ich eher. Ein weites Stück tragen möchte ich ihn ganz bestimmt nicht.

Während der Fahrt betätige ich zwei- oder dreimal die Klingel, die sich an der linken Seite des Lenkers befindet. Jedes Mal ernte ich genervte Blicke dafür, sodass ich es irgendwann lieber ganz lasse und ich mich still und heimlich an den „Hindernissen“ vorbeischleiche.

Diese Reaktionen der Mitmenschen bemerke ich zwar auch manchmal, wenn ich auf dem Fahrrad sitze und klingle, doch fallen sie beim E-Scooter heftiger aus. Was die mangelnde Akzeptanz erklären könnte: Die Fahrzeuge scheinen für viele einfach (noch) keine Daseinsberechtigung auf deutschen Straßen zu haben.

Kurz vorm Ziel erwischt uns noch ein Wolkenbruch. Ich stelle den TIER ordnungsgemäß an einem Platz ab, wo er nicht im Weg ist, beende meine Fahrt über das Smartphone und verabschiede mich schnell. War schön mit dir!

Insgesamt war ich 45 Minuten mit dem E-Scooter unterwegs. Der ganze Spaß hat mich 9,55 Euro gekostet (19 Cent pro Minute plus einen Euro Startgebühr), und in dieser Zeit hat der Roller 20 Prozent Akku verloren (von 70 auf 50 Prozent). Wenig ist das nicht!

Und ich bin froh, von der Straße runter zu sein. Sicher habe ich mich dort auf dem Roller nicht gefühlt, vor allem nicht auf nasser Fahrbahn. Und auf den Gehwegen ist das Fahren nicht erlaubt. Eine echte Zwickmühle.

Next! Das ist mein Neuer

Nahaufnahme E-Scooter von Circ mit Getränke- und Smartphone-Halter
Ein Gentleman: Der E-Scooter von Circ hält Getränk und Smartphone für mich. © Dino von Wintersdorff

Weil ich wissen will, ob alle Scooter gleich ticken, will ich noch einen weiteren kennenlernen. Mein Neuer heißt Circ und ist ein wenig zuvorkommender. Er hält Getränke für mich und sogar mein Smartphone nimmt er mir ab. Für diese komfortablen Halterungen bezahle ich aber auch 20 Cent pro Minute und ebenfalls die Startgebühr von einem Euro.

Ansonsten ist aber alles gleich: der Leihvorgang über das Smartphone, die Bezahlmethoden per Kreditkarte oder PayPal und die Steuerung. Beim Anfahren habe ich das Gefühl, dass der Circ ein wenig sanftmütiger ist als sein Vorgänger und weniger stark beschleunigt. Letztendlich muss aber jede Person selbst herausfinden, mit welchem E-Scooter-Modell sie am besten zurechtkommt.

Die Anbieter Lime, TIER, Circ und Voi sind allerdings nicht alle in jeder Stadt verfügbar und auch stets in unterschiedlicher Anzahl. In Hamburg dominiert eindeutig TIER.

Mit dem Circ drehe ich souverän noch eine Runde um den Block und lasse mich zum nächsten Supermarkt kutschieren, danach trennen sich unsere Wege wieder.

Fazit oder: Wieso ich meinem Fahrrad treu bleibe

Das kurze Stelldichein mit dem E-Scooter war zwar eine spannende und interessante Erfahrung, sie hat mir aber auch wieder bewusst gemacht, was ich am Radfahren so schätze:

  • Auf dem Fahrrad fühle ich mich sicherer.
  • Es gibt – zumindest meistens – Radwege, auf denen ich mich bewegen kann, ohne verärgerte Blicke oder dumme Sprüche zu ernten.
  • Beim Radfahren tue ich etwas für meine Fitness, auch wenn ich dafür manchmal Berge hochstrampeln muss.
  • Das Fahrrad lässt sich leichter tragen und zum Beispiel bei Regen in der Bahn transportieren.
  • Das Rad ist und bleibt einfach das umweltfreundlichste Fortbewegungsmittel.

Für kurze Wege und wenn ich in Zeitnot bin, kann ich mir durchaus vorstellen, mich noch einmal auf ein Rendezvous mit TIER, Circ, Lime oder Voi einzulassen. Mich stört allerdings die Ökobilanz der E-Scooter, denn sie ist schlechter als sie auf den ersten Blick aussieht. Wenn ich mir einen Roller kaufe, kann ich selbst entscheiden, ob ich den Akku mit 100-prozentigem Ökostrom wie dem von LichtBlick auflade. Beim Leih-Scooter dagegen habe ich keinen Einfluss darauf.

Und die Anbieter scheinen längst nicht alle Ökostrom zu verwenden. Lime gibt immerhin auf seiner Webseite an, seine Scooter mit Strom zu laden, der zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen stamme. Bei Circ und Voi finde ich keine Informationen dazu. TIER rede laut „Zeit Online“ aktuell mit verschiedenen Anbietern, um zu einem möglichst hohen Anteil an Ökostrom zu kommen. Im Idealfall wolle das Unternehmen in der Zukunft ausschließlich Ökostrom nutzen. Aktuell und angesichts dieser schwammigen Auskünften heißt meine erste Wahl aber weiter Gazelle und steht in meinem Keller.

Hast Du Fragen, Hinweise, Feedback?

Schreib uns Deinen Kommentar!

Bitte rechnen Sie 6 plus 6.
Die von Dir im Kommentarfeld eineggebenen Daten verarbeiten wir gemäß unserer Datenschutzerklärung.

# Ina

Auch mit Ökostrom haben de Dinger nicht die beste Umweltbilanz. Stichworte Akku, gesamte Lebensdauer, keine Reduzierung des Autoverkehrs und jeden Tag Transport vom und zum Aufladen. Und ob man prekäre Arbeitsbedingungen unterstützen möchte muss auch jeder selbst entscheiden. https://www.spiegel.de/auto/aktuell/e-scooter-zwischenbilanz-nach-zwei-monaten-elektrostehroller-a-1281357.html

Antwort von Fränze

Hallo Ina, vielen Dank für deinen Kommentar :) Die Entwicklung bezüglich E-Roller muss man beobachten, insbesondre auch in den Punkten die du angesprochen haben. Zu Fuß gehen und Fahrrad fahren sind sicher ökologischer. Wir stehen jedoch auf dem Standpunkt, dass Autos in der Stadt auf jeden Fall ein deutlich größeres Problem sind als E-Roller sowohl was den Platzbedarf, den Lärm als auch die ökologische Komponente angeht. Viele Grüße aus deiner LichtBlick-Redaktion :)

Das könnte Dich auch interessieren

Teaser Bild

Streiken für den Klimaschutz: Was ihr über #FridaysForFuture wissen müsst

Angefangen hat alles im August 2018 in Stockholm – die damals 15-jährige Greta Thunberg streikte jeden Freitag, um die schwedische Regierung an die Einhaltung der Pariser Klimaziele zu ermahnen. Über Social Media wurde daraus innerhalb kürzester Zeit eine Klima-Bewegung von Schüler*innen und Jugendlichen, die im Dezember 2019 auch erstmals Deutschland erreichte.  Wir haben für euch die wichtigsten Infos zu #FridaysForFuture zusammengestellt.

Zum Artikel
Teaser Bild

Strom anmelden: So kommt der Strom schnell in die neue Wohnung

Bei einem Umzug heißt es für euch nicht nur Kisten packen, sondern auch ans geistige Gepäck denken, sprich: Orga-Kram erledigen. Dazu gehört zum Beispiel, euren Stromanbieter zu informieren. Warum ihr schon vor dem Einzug in die neue Wohnung den Strom anmelden solltet und wie das geht, erfahrt ihr hier.

Zum Artikel